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Mathilde von Canossa im Konflikt zwischen Königtum und Papsttum (II)

Die Markgräfin Mathilde von Canossa (auch Mathilde von Tuszien, geb. um 1046, gest. 24. Juli 1115) spielte eine zentrale Rolle im Investiturstreit zwischen Königtum und Papsttum (1056–1125) und beim sog. Gang nach Canossa im Jahre 1077. Ihre große Macht in diesem Kontext war zu einem erheblichen Teil bedingt durch ihren Einfluss auf Papst Gregor VII. als eine seiner engsten Gefährtinnen und Verbündeten. Die letztliche Aufhebung des päpstlichen Kirchenbanns über König Heinrich IV. ist rückblickend überwiegend als ihr Verdienst zu bewerten. Deshalb gehe ich in diesem Beitrag vertieft auf die Rolle der Mathilde von Canossa im Konflikt zwischen weltlicher (regnum) und geistlicher Gewalt (sacerdotium) ein.

Die Rolle der Mathilde von Canossa im Konflikt zwischen König und Papst

Ölgemälde der Mathilde von Canossa von Paolo Farinati (Matilde di Canossa a cavallo, ca. 1587), eig. Fotografie Oktober 2012, Museo di Castelvecchio, Verona

Dabei erläutere ich, wie genau sich Einfluss und Macht der Mathilde von Canossa im Kontext des Investiturstreits zwischen römisch-deutschem Königtum und Papsttum zeigten.

Mathildes Einfluss beim Gang nach Canossa

Während seiner Reise nach Deutschland zu einem Treffen mit den deutschen Reichsfürsten im Dezember 1076 erfuhr Gregor VII., dass Heinrich IV. unterwegs zu ihm sei. Dies beunruhigte ihn, da er die Absichten des exkommunizierten und abgesetzten Königs nicht einschätzen konnte. So verschanzte er sich in Canossa, der Stammburg und sichersten Feste der Markgräfin Mathilde. Dort war außer Gregor und Mathilde u. a. auch Abt Hugo von Cluny anwesend, der Taufpate Heinrichs IV. Schon vor dem Bußgang fand eine Zusammenkunft zwischen Mathilde, Heinrich IV. und Abt Hugo von Cluny statt. Erst danach trat Heinrich im Büßergewand den Gang nach Canossa an. Das lässt vermuten, dass Mathilde und Hugo ihm zu diesem Vorgehen geraten haben. Und auch im weiteren Verlauf des Geschehens war die Lösung der problematischen und zunächst hoffnungslos erscheinenden Ausgangslage Mathildes beträchtlichem Zutun zu verdanken: Es war hauptsächlich sie, die schließlich den Papst überzeugte, Heinrich vom Kirchenbann zu lösen.

Mathilde bezieht Stellung für das Papsttum

Auch weiterhin spielte Mathilde von Canossa im Konflikt zwischen geistlicher und weltlicher Macht eine zentrale politische Rolle. So kam es schon bald zum erneuten Zwiespalt zwischen Gregor VII. und Heinrich IV. Der Papst exkommunizierte den König 1080 erneut. Und Heinrich konterte mit der Berufung des Gegenpapstes Clemens III. Daraufhin frischte Gregor den Kirchenbann gegen Heinrich auf. Und dieser startete kurz darauf einen Kriegszug nach Italien. Als Lehnsträgerin seines Reichs wäre Mathilde ihm zu militärischem Geleit durch ihr Gebiet verpflichtet gewesen, verwehrte dies jedoch. Deshalb erklärte Heinrich sie für verdammt, aus dem Reich ausgestoßen, ihrer Rechte verlustig und ihrer Autoritätsstellung enthoben. Darauf zog sich Mathilde in ihre Burgen im Apennin zurück. So fiel ihr Grundbesitz Raub und Zerstörung durch die Truppen Heinrichs zum Opfer. Friedensverhandlungen zwischen Markgräfin und König blieben erfolglos. Denn er verlangte die Akzeptanz des Gegenpapstes, wozu Mathilde nicht bereit war.

Heinrich eroberte 1084 Rom und Gregor zog sich in die Engelsburg zurück. Mathilde kämpfte zu diesem Zeitpunkt auf ihrem eigenen Grundbesitz gegen feindliche Truppen. So floh Gregor schließlich nach Salerno, wo er 1085 verstarb. Seinem Nachfolger, Viktor III., half Mathilde bei der Übernahme von Rom, indem sie den Gegenpapst aus der Stadt vertrieb. Nach dessen baldigem Tod (1087) wurde 1088 Urban II. neuer Papst. Auch mit ihm arbeitete Mathilde eng zusammen. So heiratete sie auf seinen Rat hin Welf V. von Bayern, einen Gegner Heinrichs IV. Als sich immer mehr ihrer Burgen dem einmarschierenden König unterwarfen, zog sich Mathilde in ihre Festungen in den Bergen zurück.

Mathilde von Canossa und die Neuen Herrscher

Doch 1092 erlitt Heinrich IV. eine vernichtende Niederlage in den Gefechten vor Canossa. Und so hatte die Markgräfin 1097 schließlich all ihre tuszischen Herrschaftsgebiete zurückerobert. Sie trennte sich von Welf V. Als 1099 Paschalis II. neuer Papst wurde, begann Heinrich V. gegen seinen Vater Heinrich IV. zu opponieren. Er nahm ihn gefangen und zwang ihn zum Rücktritt von seinem Amt als König. Nach dem Tod Heinrichs IV. 1106 unterstützten Mathilde und der Papst Heinrich V. zunächst. Allerdings stieß sein Verhalten in Rom bald auf Argwohn: Er nahm weiter Investituren in Kirchenämter vor und förderte sogar Simonisten. Dennoch machte er sich Ende 1110 zur Kaiserkrönung nach Italien auf.

Zwischen Mathilde und Heinrich V. entstand nun ein Abkommen. Dieses ist zwar nicht schriftlich erhalten, aber man kann aus späteren Ereignissen auf den Inhalt schließen: Heinrich V. verpflichtete sich, keine Gefolgsleute Mathildes gefangen zu nehmen, und Mathilde versprach im Gegenzug, sich jeder Intervention in Belange des Papstes zu enthalten. Im Mai 1111, nach Abschluss des Vertrages von Sutri und seiner Kaiserkrönung, frischte Heinrich V. die Investitur Mathildes in ihre Reichslehen auf, was nötig war aufgrund der 1081 durch Heinrich IV. über sie verhängten Reichsacht.

Alter und Tod der Markgräfin

Man kann hier von einer politischen Richtungsänderung Mathildes sprechen: Sie beendete ihr früheres Bündnis mit dem Papsttum und begann, mit dem König zu kooperieren. Doch begründet lag dieses Verhalten höchstwahrscheinlich in ihrem immer stärkeren Wunsch nach Frieden und bedeutet mit ziemlicher Gewissheit nicht, dass sich ihre eigentliche Einstellung und Überzeugung änderte. Es kam weiterhin zwischen Mathilde und Heinrich zu folgendem Handel: Heinrich V. wurde die Erbschaft des mathildischen Allodialbesitzes zugesichert, im Gegenzug versprach Heinrich der Markgräfin Frieden und persönlichen Schutz.

1114 erkrankte Mathilde schwer. Sie verlebte den Sommer in nahezu vollständiger Bewegungsunfähigkeit einsam und freudlos in ihren Festungen im Apennin. In ihren letzten Lebensmonaten weilte sie in Bondanazzo, einem Dorf in der Poebene. Hier starb sie am 24. Juli 1115. Nach Mathildes Tod zerbrach das Staatsgebilde des Geschlechts der Canusiner, denn es existierten keine leiblichen Erben: Den größten Teil ihres Besitzes erhielten das Papsttum und das Kaisertum. Zwischen diesen beiden Gewalten gab es noch lange nach dem Tod Mathildes Reibereien um das Recht auf ihre Hinterlassenschaft.

Macht und Einfluss der Mathilde von Canossa

Mathilde von Canossa war die ideale Vermittlerin 1077 in Canossa. Denn sie hatte als weltliche Herrscherin großen Einfluss. Sie arbeitete sehr eng mit einer der beiden Zentralgewalten, dem Papsttum, zusammen, stand aber auch mit dem Königtum in Verbindung. Doch als alle Ausgleichversuche fehlschlugen, entschied sich die Markgräfin klar für die Seite der geistlichen Gewalt und gegen den König. Erst gegen Ende ihres Lebens, als sie sich nur noch nach Ruhe und Frieden sehnte, ging sie ein Bündnis mit der weltlichen Gewalt ein und beendete ihre Unterstützung des Papstes. Wahrscheinlich änderte sie jedoch nicht ihre grundsätzliche Einstellung, sondern zog sich lediglich aus dem Geschehen zurück. Denn auch weiterhin war sie nicht bereit, etwas gegen das Papsttum zu unternehmen.

Unabhängig davon, wie wir jeweils über das (heutige oder auch das mittelalterliche) Papsttum und generell die katholische Kirche denken – allein die Tatsache, dass es Mathilde gelungen ist, in ihrer Zeit als Frau so großen Einfluss auf zentrale politische Entwicklungen auszuüben, macht sie zu einem frühen Vorbild für emanzipierte Frauen. Und wenn ihr auch findet, dass deshalb viel mehr Menschen sie kennen sollten, teilt und kommentiert diesen Artikel doch einfach!

Eure Zeilenschreiberin Hanna

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