Die Markgräfin Mathilde von Canossa (auch Mathilde von Tuszien, geb. um 1046, gest. 24. Juli 1115), Tochter von Markgraf Bonifaz von Canossa und Tuszien und Beatrix von Oberlothringen, ist ein Paradebeispiel für starke Frauen im europäischen Mittelalter. Sie zählt zu den mächtigsten Frauen der Salierzeit. Insbesondere hatte sie großen Einfluss auf den damaligen geistlichen Herrscher, Papst Gregor VII., sowie den weltlichen Herrscher ihrer Zeit, König Heinrich IV. Nach der Ermordung des Markgrafen Bonifaz 1052, heiratete Mathildes Mutter bald Herzog Gottfried den Bärtigen. Dieser starb 1069 und im gleichen Jahr heirateten sein Sohn Gottfried der Bucklige und seine Stieftochter Mathilde. Doch aus dieser unglücklichen Ehe in Lothringen floh die junge Frau schließlich zu ihrer Mutter nach Italien. Sie verweigerte dem Ehemann bis zu dessen Tod (1076) standhaft eine Aussöhnung. Nun verfügten Mutter und Tochter wieder selbst über ihre Gebiete und die Herrschaftsgewalt.
Der Einfluss der Mathilde von Canossa

Doch wie war es Mathilde von Canossa möglich, sich in der überwiegend frauenfeindlichen Umwelt des Mittelalters zu behaupten und eine so bedeutende Position einzunehmen?
Mathilde von Canossa und das Papsttum
Mathilde wandte sich in der Zeit ihrer problematischen Ehe mit Gottfried dem Buckligen hilfesuchend an die Römische Kirche. Ihr brieflicher Kontakt mit Papst Gregor VII. begann, als sie Gottfried verließ. Sie hoffte, der Papst würde ihre Ehe annullieren. Doch nach katholischem Glauben war dies nur in ganz seltenen Sonderfällen gestattet, außerdem war der Papst politisch auf die Gunst Gottfrieds angewiesen. So hatte er lediglich tröstende Worte für Mathilde. Trotz dieser Enttäuschung erkannte sie die Autorität des Apostolischen Stuhls an – ein Zeichen für ihre tiefe Religiosität. Und so zählte Mathilde bald zu Papst Gregors engsten Vertrauten. Hierdurch genoss sie seinen Schutz und konnte sich den Versöhnungsgesuchen ihres Mannes konsequent widersetzen. Denn sie war nun nicht mehr auf den Schutz eines einflussreichen Mannes der weltlichen Sphäre angewiesen.
Ihre für das Papsttum gewinnbringenden Stiftungen sowie ihre Förderung der Klöster machten sie zum wichtigen Rückhalt der Römischen Kirche. Für Gregor VII. waren Mathilde und ihre Mutter Beatrix von großer Bedeutung. Das galt v. a. für die Durchsetzung seiner Reform, deren Fortschreiten sie förderten. Und so waren sie auch in der Position, sich für eine Aussöhnung von Papsttum und Königtum einzusetzen. Nach dem Scheitern dieser Versöhnungsversuche, halfen sie dem Papst in der Auseinandersetzung mit Heinrich IV. und im Kampf gegen Wibert von Ravenna, den späteren Gegenpapst Clemens III.
Die beiden Frauen wurden Gregors entscheidende Stütze in Ober- und Mittelitalien. Umgekehrt war es für sie wichtig, dass die Kirche einflussreich und durchsetzungsfähig blieb, denn sie hatten das Los ihrer Familie direkt an das des Papsttums gekoppelt, indem sie den Papst als ihren einzigen Schutzherrn erwählten. Und Mathilde unterstützte nicht nur Gregor VII., sondern auch seine Nachfolger. So heiratete sie 1089 auf den Ratschlag Urbans II. hin Welf V. von Bayern, da dieses politische Bündnis Druck auf Heinrich IV. ausübte. Nach der Trennung und diesmal auch der Annullierung der Ehe, wählte Mathilde weiterhin den Papst zum einzigen Schutzherrn – als Hilfe bei der Verteidigung ihres Landes gegen mögliche Angriffe Welfs V.
Mathilde von Canossa und das römisch-deutsche Königtum
Dem weltlichen Machthaber hielt Mathilde aus verwandtschaftlicher Zusammengehörigkeit die Treue. Sie war eine Kusine zweiten Grades von Heinrich IV. Dadurch kam ihr ein besonderer Part als Kontaktperson zwischen den verfeindeten Mächten zu. Und so bemühte sie sich sehr um den Ausgleich zwischen den beiden Zentralgewalten regnum und sacerdotium. Dadurch wurde allerdings Mathildes politische Situation äußerst heikel und kompliziert. Denn sie stand zwischen den Fronten: Für Papst Gregor VII. hegte sie als Anhängerin seines Reformentwurfs starke Sympathie und Neigung. Doch an König Heinrich IV. war sie durch Blutsverwandtschaft gebunden und außerdem durch Lehnseide von ihm abhängig.
Mathilde von Canossa als mächtige Frau im Mittelalter
Mathilde von Canossa führte ein für eine Frau ihrer Epoche ungewöhnlich selbstbestimmtes Leben. Zwar ließ sie sich in ihren Eheschließungen von Männern beeinflussen. Jedoch entschied sie sich konsequent und frei gegen die (aktive) Weiterführung der Ehen, wenn sie in diesen unglücklich war. Das war ihr u. a. möglich, weil sie sehr eng mit dem Papsttum als einer der beiden Zentralgewalten kooperierte. Wie schon ihre Mutter unterstützte sie das Reformpapsttum nach Kräften. Da sie auch mit dem Königtum in Verbindung stand, sollte sie sich 1077 in Canossa als die ideale Vermittlerin erweisen. Sie hatte somit als weltliche Herrscherin großen Einfluss auf politische Entwicklungen ihrer Zeit.
Seid ihr wie ich (zumindest ein bisschen) beeindruckt von dieser starken Frau? Was imponiert euch am meisten? Lasst uns drüber schreiben – in den Kommentaren oder auf Social Media!
Eure Zeilenschreiberin Hanna
Quellen & Weiterführendes
- Wikipedia-Artikel über Mathilde von Canossa
- Wikipedia-Artikel über den Investiturstreit
- Elke Goez: Mathilde von Canossa. Darmstadt 2012.
- Paolo Golinelli: Mathilde und der Gang nach Canossa. Darmstadt 1998.
- Vito Fumagalli: Mathilde von Canossa. Berlin 1998.
- Johannes Laudage: Macht und Ohnmacht Mathildes von Tuszien. In: Die Macht der Frauen. Hg. v. Heinz Finger. Düsseldorf 2004 (Studia humaniora 36), S. 97–135.
- Stefan Weinfurther:, Canossa. Die Entzauberung der Welt. München 2006.
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