Wie bereits im ersten Teil der Artikelreihe über den Disneyfilm über die Meerjungfrau Arielle von 1989 beschrieben erfährt dieser oft die Kritik, ein rückständiges, unselbstständiges, unterwürfiges Frauenbild zu transportieren. Diese Kritik wird jedoch nicht nur an der Figur der Protagonistin festgemacht. Immer wieder wird darüber hinaus angeführt, dass auch die – übrigens sehr klassische – weibliche Antagonistin, die Meerhexe Ursula, ausdrücklich die Ansicht vertrete, gutes Aussehen genüge, damit ein Mann sich für eine Frau interessiere. Damit werde die (dem Film unterstellte) Aussage unterstrichen, was eine Frau zu sagen habe, spiele keine Rolle, und sie bedürfe deshalb keiner Stimme.
Analyse der Meerhexe Ursula im Disneyfilm „Arielle“

Aber ist das tatsächlich so? Oder lässt sich die Figur der um jeden Preis nach Macht strebenden Meerhexe Ursula vielleicht noch anders deuten? In diesem Artikel setze ich mich kritisch mit ihr auseinander. Dafür untersuche ich ihr Handeln, ihre Haltung und ihre Beweggründe. Schließlich wird so ihre Rolle in der Filmhandlung und ihre Bedeutung auch vor feministischem Hintergrund klarer.
(Ich beziehe mich auch hier wie in Teil I auf die deutschen Synchronfassungen sowohl von 1989 als auch von 1998, da sich beide hinsichtlich meiner Fragestellung im Ergebnis meines Erachtens kaum unterscheiden. Wo ggf. doch deutliche Unterschiede bestehen, weise ich gesondert darauf hin.)
Die Meerhexe Ursula will mehr zu sagen haben
Die starke Antagonistin, die Meerhexe Ursula, ist eine klassische weibliche Bösewichtin: eine böse Hexe. Um die Macht über die sie umgebende Welt an sich zu reißen, ist ihr jedes Mittel recht. Schlau erkennt sie Arielles schwachen Moment: Die junge Prinzessin ist einerseits hoffnungslos verliebt in den Menschen Eric, andererseits versucht ihr Vater in einem jähzornigen Wutausbruch, ihren Freiheits- und Wissensdurst zu untrdrücken. Diese Lage der grundguten und eigentlich nicht dummen, jedoch noch wenig gebildeten Königstochter nutzt die Meerhexe Ursula schamlos aus. Am Ende lernt sie (naturgemäß) nicht aus ihrem Fehlverhalten und wird besiegt – leider nicht von der Protagonistin, sondern von einem Mann, der aber immerhin zu diesem Zeitpunkt ohne Arielles Hilfe wohl schon längst ertrunken wäre.
zielstrebig
Dass die Meerhexe Arielle die Stimme nimmt, wird ihr meist als frauenfeindlich angelastet. Denn sie begründet es in ihrem Lied damit, dass Menschenfrauen keiner eigenen Stimme bedürfen, da für Menschenmänner ohnehin nur ihr Aussehen eine Rolle spiele (vgl. Arielle, Blu-ray, Sz. 15–16). Und sie bezeichnet entsprechend dieser Argumentationslinie das Aufgeben der Stimme als „belanglos“ (Arielle, Blu-ray, dt. 1989, Sz. 15–16) bzw. „eine Lapallie“ (Arielle, Blu-ray, dt. 1998, Sz. 15–16). Was bei der Deutung dieser Aussagen als frauenfeindlich außer Acht gelassen wird, sind jedoch Ursulas Beweggründe: Sie will, dass Arielle im Erfüllen der gestellten Aufgabe versagt, und so selbst Zugang zu Macht erhalten. Deshalb will sie der Protagonistin die Stimme nehmen, um gezielt deren Handlungsspielraum einzuschränken.
Ursula stellt außerdem die – ebenfalls nur vordergründig frauenverachtende – Bedingung, Eric müsse Arielle küssen (Arielle, Blu-ray, Sz. 21). Damit weist sie zwar der Frau die passive und dem Mann die aktive Rolle zu. Eigentlich handelt es sich hierbei aber um ein sehr geschicktes Ausnutzen von Geschlechterklischees für ihr eigennütziges Ziel, den Machtgewinn. Die Antagonistin handelt hier also nicht frauenfeindlich, sondern denkt eher sehr emanzipiert. Man könnte es gerade deshalb als potenziell problematisch verstehen, dass ausgerechnet sie im Film die negative Rolle besetzt. Aber die starke Protagonistin Arielle steht ihr als ebenfalls weibliche, jedoch positive Figur gegenüber.
Geschlechterbild in Ursulas Lied ‚Die Armen Seelen in Not‘
| dt. Synchronfassung 1989 | dt. Synchronfassung 1998 |
| Du hast dein Aussehen, dein hübsches Gesicht. Und unterschätze ja nicht die Möglichkeiten der Körpersprache! Die Menschenmänner lieben kein Geplapper. ‚Ne Quasselstrippe halten die für fad. Ja, an Land nicht ohne Grund Da hält als Dame man den Mund. Und sag doch selbst: Hat das Gequatsche denn Format?! Die wenigsten erwärmen sich fürs Reden. Der wahre Herr von Welt, der denkt nicht dran. Doch sie rasten förmlich aus, Bleibt sie stumm kriegt sie Applaus. Nur die, die schweigt, die kriegt auch einen Mann! | Du bist doch hübsch, du hast doch Flair! Und wie üblich ist am wirkungsvollsten immer noch die Körpersprache! Die Männer oben hassen viel Gelaber. Die Quasselstrippen leben ganz verkehrt. Doch an Land wirst du geküsst, Wenn du nur klug und schweigsam bist. Der, der bescheiden ist wird pausenlos begehrt. Komm schon, die halten nicht sehr viel von Unterhaltung. Intelligente kommen niemals an. Doch sie fliegen allezeit Auf die stillschweigende Maid. Halt’s Maul und sicher kriegst du deinen Mann! |
Machtgierig
Die Bedeutung der Stimme ist Ursula durchaus bewusst. Sie weiß, dass sich Arielle ohne eigene Stimme vollkommen in die Hand des Mannes Eric begibt. Genau aus diesem Grund will sie ihr ja die Stimme nehmen. Denn die Protagonistin vertraut damit einem Mann die Macht über ihr Schicksal an: Der Kuss liegt in seiner Entscheidung (Arielle, Blu-ray, Sz. 15–16). Die Meerhexe singt insgesamt ein sehr oberflächliches Männerbild, demzufolge Menschenmänner ein sehr oberflächliches Frauenideal hätten.
Sie ist aber selbst eigentlich nicht von diesen Geschlechterrollen überzeugt: Erstens entspricht sie selbst in keiner Hinsicht dem besungenen Frauenideal der schönen, passiven Frau ohne eigene Stimme. Im Gegenteil, sie strebt selbstbewusst danach , einem Mann die Macht zu entreißen. Zweitens glaubt sie auch nicht, dass Männer tatsächlich eine stumme Frau wollen. Denn wäre das so, würde Eric die schöne, stumme Arielle nur zu gern küssen – und eben das möchte die Meerhexe ja gerade nicht. Sie ist somit ihrer Rolle als Antagonistin entsprechend einfach nur machtgierig, egoistisch und rücksichtslos – und das unterschiedslos gegen alle Lebewesen jeden Geschlechts.
Männerverachtend
Dennoch ist Ursulas tatsächliches Männerbild deutlich schlechter, als ihr wirkliches Frauenbild. Denn der Protagonistin nimmt sie die Stimme. Sie hält es also für notwendig, deren Macht einzuschränken, das eigene Schicksal vollkommen selbstbestimmt zu beeinflussen. Dem Mann Eric dagegen traut sie ein angemessenes Nutzen dieser Macht aber auch nicht zu. Sie kann sich nicht vorstellen, dass er die inneren Werte einer Frau auch erkennt, wenn diese stumm ist – auch wenn sie ihn nicht für so oberflächlich auf das Äußere fixiert hält, wie ihr Lied auf den ersten Blick vermuten lässt.
Vor diesem Hintergrund kann auch Erics letztlicher Sieg über die Antagonistin gedeutet werden (Arielle, Blu-ray, Sz. 25). Nachdem diese ihn zunächst mit künstlicher Schönheit und der von Arielle gestohlenen Stimme irreführen konnte, erkennt der Prinz seine wahre Retterin erst, als sie ihre Stimme zurück bekommen hat. Es bleibt somit dabei: Eric vermittelt ein recht oberflächliches Männerbild.
Freilich kann sein Sieg über Ursula aber zugleich auch als Sieg der wahren Liebe über die Machtgier verstanden werden. Diese Deutung drängt sich insbesondere auf, da Ursula noch unmittelbar vor ihrer Niederlage siegesgewiss „Soviel zur wahren Liebe“ ruft (Arielle, Blu-ray, Sz. 25).
Zusammenfassung
Abschließend bleibt zur Meerhexe Ursula festzuhalten, dass es sich bei ihr tatsächlich um eine klassische weibliche Bösewichtin handelt: die böse Hexe. Ja, mit diesem Klischee habe ich auch ein Problem. Allzu oft tritt sie in Märchen/Filmen als einzige starke weibliche Figur überhaupt auf – und das dann eben negativ. Steht ihr überhaupt eine weibliche Protagonistin gegenüber, ist die häufig schwach und passiv angelegt. Dies trifft aber auf Arielle nicht zu (vgl. Teil I dieser Artikelreihe). Und so finde ich die Figur der Meerhexe Ursula ganz in Ordnung – auch wenn der Wermutstropfen bleibt, dass sie von einem Mann anstatt der Protagonistin besiegt wird. Immerhin ist ihm das nur möglich, weil er zuvor von Arielle gerettet wurde. Und weil ihre Freunde dann ihr geholfen haben. Und so steht am Ende der Sieg über Ursula auch dafür, dass Freundschaft und Zusammenhalt Vieler und die wahre Liebe Zweier über den Egoismus und die Machtgier einer Einzelnen triumphieren können.
Was denkt ihr über die Meerhexe Ursula? Ist sie eine passende Gegenspielerin für Arielle? Findet ihr sie frauen- oder männerfeindlich? Ich bin gespannt auf eure Kommentare (hier und/oder auf Social Media)!
Eure Zeilenschreiberin Dr. Hanna Rasch
Quellen & Weiterführendes
- Disney, Arielle, Die Meerjungfrau, Blu-ray, 2017.
- Arielle, die Meerjungfrau (Geschlechterrollen in Disneys „Arielle“ I)
Entdecke mehr von Zeilen & Zeiten
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.